Waibstadt. Der neue Termin steht: 12. Juni 2010. Genau ein halbes Jahr später als ursprünglich geplant wird die S-Bahn ins Schwarzbachtal einrollen. Mit der nunmehr zweiten Verschiebung der Jungfernfahrt auf den nächsten Fahrplanwechsel wollen Deutsche Bahn und Verkehrsverbund Rhein-Neckar jetzt auf der sicheren Seite sein.
Gestern erhielten die Bürgermeister des Schwarzbachtals die Nachricht aus erster Hand: Das Wetter, so führte VRN-Geschäftsführer Werner Schreiner an, habe einen Strich durch die Rechnung gemacht. Vor allem bei den Verkabelungsarbeiten habe man mit „Riesenproblemen“ zu kämpfen. Auch bei den Oberleitungen ist man in den Bereichen Eschelbronn und Helmstadt in Verzug, beim Umbau einiger Bahnsteige und Bahnübergänge im Hintertreffen.
Die versammelten Bürgermeister, die für das Gemeinschaftsprojekt knapp acht Millionen Euro aus ihren kommunalen Kassen beisteuern, nahmen die Nachricht zur Kenntnis – und die Überbringer ordentlich ins Gebet. Obwohl bei DB und VRN offenbar mindestens seit dem Jahreswechsel absehbar war, dass der Zeitplan wahrscheinlich nicht eingehalten werden könne, ließ man die Vorbereitungen auf die Premierenfahrt vor Ort laufen und ermunterte noch im Januar die Gemeinden, sich um die Programmgestaltung zu kümmern. Und selbst nachdem bei einer routinemäßigen S-Bahn-Sitzung in der vorigen Woche der Starttermin förmlich beerdigt wurde, hielt man es nicht für nötig, umgehend die Rathäuser zu informieren.
Dort plante man unterdessen für den 20. März, fühlte bei Vereinen wegen derer Mitwirkung vor, feilte am standesgemäßen Empfang für die Ehrengäste und richtete Urlaubstermine nach der S-Bahn aus. Irgendein Bähnler hat im Meckesheimer Bahnhof sogar schon den vermeintlichen Fahrplan für die Linie S51 ausgehängt, während der Wildpark Schwarzach in Erwartung von Fahrgästen, die dem Gehege im kleinen Odenwald einen Besuch abstatten, Prospekte unter Verweis auf den 20. März drucken ließ. Die kann er jetzt einstampfen.
Waibstadts Bürgermeister Joachim Locher kritisierte wie seine Kollegen den schlechten Umgangsstil. Die Gemeinden seien Partner, hätten Anrecht auf prompte Unterrichtung und wollten wichtige Informationen nicht aus der Zeitung erfahren. Meckesheims Rathauschef Hans-Jürgen Moos scheint indes eine Vorahnung gehabt zu haben: „Das war mir klar“.
Zweifel gab es auch an der Begründung der neuerlichen Terminverschiebung. Frost allein könne es wohl nicht sein. So sprach Aglasterhausens Bürgermeister Erich Dambach von „dilettantischer Arbeitsorganisation“, die er an seinem eigenen Bahnhof miterleben musste. Wochenlang lief dort nichts, schon lange vor Wintereinbruch. Dambach honorierte grundsätzlich die Bemühungen von VRN und der beteiligten Landkreise und folgerte: „Schuld ist die DB“.
Zweifel gab es auch an der Begründung der neuerlichen Terminverschiebung. Frost allein könne es wohl nicht sein. So sprach Aglasterhausens Bürgermeister Erich Dambach von „dilettantischer Arbeitsorganisation“, die er an seinem eigenen Bahnhof miterleben musste. Wochenlang lief dort nichts, schon lange vor Wintereinbruch. Dambach honorierte grundsätzlich die Bemühungen von VRN und der beteiligten Landkreise und folgerte: „Schuld ist die DB“.
Udo Becker von der DB Netz AG sah dies naturgemäß anders: „Die Bahnsteige sind auf einem unkritischen Weg“, meinte er in seiner Replik. Hauptproblem sei die Verkabelung der Leit- und Sicherungstechnik. Lege man die Verbindungen bei Frost, dann würden die Baufirmen jegliche Gewährleistung ablehnen: „Wir benötigen durchweg Temperaturen von mindestens fünf Grad.“
Die Stunde der schlechten Nachrichten war damit aber noch nicht zu Ende. Alermiert durch den RNZ-Bericht über den Einsatz von lokbespannten Zügen auf der S-Bahn-Strecke durchs Neckartal, wollten die Bürgermeister wissen, ob denn im Schwarzbachtal die hochmodernen ET 425 zum Einsatz kommen würde. Dafür wollte Werner Schreiner nicht garantieren. Die Linie S51 werde mit „Fahrzeugen, wie sie zur Verfügung stehen“ bedient. Bis 2015 reiche schließlich der Vorlaufbetrieb für die S-Bahn.
Zitiert:
„So sollte man mit Vertragspartnern nicht umgehen. Bei der Bahn kommt man sich manchmal verarscht vor“. (Joachim Locher, Bürgermeister Waibstadt)
„Einweihung im Juni. Und welches Jahr?“ (Peter Reichert, Bürgermeister Neidenstein)
„Das war mir längst klar, dass der Zeitplan nicht eingehalten wird“. (Hans-Jürgen Moos, Bürgermeister Meckesheim)
„Hier ist ein Vertrauensschaden entstanden“. (Erich Dambach, Bürgermeister Aglasterhausen)
„Der zeitliche Puffer im Bauzeitenplan ist inzwischen aufgebraucht“. (Werner Schreiner, Verkehrsverbund Rhein-Neckar)
„Auf die Aussagen von Baurbeitern gebe ich gar nichts“. (Udo Becker, DB Netz)
Meinung
Partner sind auch Kunden (von Günther Keller)
Die nochmalige Verschiebung der S-Bahn-Einfahrt um drei Monate ist kein Beinbruch. Im nördlichen Kraichgau wartet man seit Jahrzehnten auf eine Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs, da kommt es darauf auch nicht mehr an. Was sich aber allmählich zu einem Desaster auswächst, ist die Informationspolitik der Bahnverantwortlichen gegenüber den Kommunen und der Bevölkerung. Ob nun die DB oder der VRN, die bei dem Jahrhundertprojekt wie siamesische Zwillinge auftreten, dafür verantwortlich ist, ist nicht so wichtig. Vielleicht sollte man einfach beide öfter darauf hinweisen, dass Kommunen und Bevölkerung nicht nur Partner und künftige Kunden sind und schon gar nicht Bittsteller, denen man per Gnadenerlass Verkehrsanschluss gewährt, sondern auch Geldgeber. Gerade die Bürgermeister im Schwarzbachtal mussten teilweise mit Engelszungen auf ihre Gemeinderäte einreden, bis diese einsahen, dass die (nicht vorhandenen) Millionen für die Schiene gut eingesetztes Geld sind. Und eben jene wurden jetzt eher nebenbei und auf drängende Nachfrage belehrt, dass es keineswegs gesagt ist, dass auf der modernisierten Infrastruktur auch zeitgemäßes Equipment, sprich: Züge, unterwegs sein werden. Aber die Perfektionierung, so wurde versprochen, sei mit Sicherheit bis 2015 abgeschlossen. Man hört die Worte wohl ...

